Katzen als “Vogel-Killer”?

Das Katzen in freier Natur nicht nur Mäuse fangen, ist bekannt. In den Medien wird ihnen oft vorgeworfen, dass sie mit für den Rückgang von Singvögeln verantwortlich sind. Wer selbst Katzen als Freigänger hält, der weiß, dass Vögel nur einen sehr geringen Anteil ihrer Beute darstellen.

Ich lebe seit über 45 Jahren mit Katzen zusammen, von denen keine mehr Vögel als Nagetiere erbeutet haben. Wer mit Freigänger-Katzen eng zusammenlebt, der bekommt von ihnen auch Stolz ihre Beute präsentiert, entweder mit viel Gejaule und Gejammer oder heimlich still und leise.

Seit einigen Jahren führe ich eine Strichliste über die Beute, die meine Katzen mir als Geschenke nach Hause bringen. Ausschlaggebend war mein damaliger roter Kater “Mietzi”, der in einer verregneten Nacht eine Maus nach der anderen nach Hause brachte und nach jeder Präsentation total durchnässt wieder in die Nacht zog um auf Beutefang zu gehen.

Das folgende Diagramm zeigt die Verteilung sämtlicher Beutetiere meiner 5 Freigänger-Katzen in einem Zeitraum von 8 Jahren (2011-2019).
Herausragende Ergebnisse hat meine bereits verstorbene Katze “Larissa” vorzuweisen, sie lebte leider nur fast zwei Jahre bei mir und fing innerhalb von 18 Monaten 486 Mäuse (97%) und 16 Vögel (3%).

 

Statistisch gesehen haben meine Katzen in diesen 8 Jahren pro Monat 0,5 Vögel und 10,6 Mäuse erbeutet. Zu erwähnen ist, dass ich zu meinen Katzen immer ein ganz besonderes Verhältnis habe und ich mit Mäusen nahezu täglich überschüttet werde. Bringt die Katze ihre Beute voller Stolz mit nach Hause, ist dies ein Zeichen dafür, dass sie sich in ihrem Zuhause wohl fühlt und den Menschen nicht nur als Dosen- und Tüttenöffner sieht. Unter der Anzahl von “Geschenken”, die ich auf der Terrasse finde, gibt es auch einen Faktor “X”, denn zwischenzeitlich hat es sich bei den lebenden Krähen und Elstern herumgesprochen, dass hier immer mal wieder ein paar schöne Leckerli zu ergattern sind. Diese Mäuse erscheinen nicht in meiner Statistik. Natürlich gibt es auch eine Dunkelziffer derjenigen Beutetiere, die von den Katzen aufgefressen und nicht mit nach Hause gebracht werden. Dieser Anteil wird aber kaum Einfluss auf die Statistik haben. 

Katzen machen in der Auswahl ihrer Beute keinen Unterschied!
Es ist der Katze vollkommen egal, ob sie eine Maus, einen Vogel oder einen Maulwurf erbeutet. Es wird das erbeutet, was sich gerade als Nahrung am einfachsten anbietet. Bringt eine Katze eine Maus oder eine Ratte mit nach Hause, dann neigt der Mensch dazu die Katze zu loben. Schließlich handelt es sich hier um Nagetiere, die der Mensch meist nicht in seinem Umfeld haben möchte. Also wird die Katze viel für diese Beute gelobt. Bringt die Katze nun aber einen Vogel mit nach Hause, dann reagiert der Mensch ärgerlich, und die Katze wird nicht gelobt sondern (falscherweise) ausgeschimpft. Aber warum? Natürlich ärgere ich mich auch darüber, wenn meine Katzen mal einen Vogel erbeuten. Das passiert aber in der Natur und in der Regel handelt es sich dabei um aus dem Nest gefallene Jungtiere, verletzte oder erkrankte Vögel. Die sind viel einfacher zu erbeuten, und die Wahrscheinlichkeit, dass eine Katze einen gesunden Vogel erbeutet, ist sehr gering.

Warum sich durch Katzen erbeutete Singvögel kaum auf deren Bestand auswirken
Sieht man sich die in meinem Diagramm enthaltenen Zahlen der erbeuteten Vögel an, dann werden durch meine drei Katzen statistisch gesehen jeden Monat 0,5 Vögel (pro Tag 0,01 Vögel) erbeutet.
Nun sehen wir uns doch mal den Greifvogel “Sperber” (Accipiter nisus) an, die kleinere Ausführung des Habichts. Der Brutbestand wird regelmäßig erfasst und beträgt in Schleswig-Holstein etwa 1000 Brutpaare. Ein Sperber ernährt sich überwiegend von Kleinvögeln wie Meisen, Finken und Spatzen. Größere Vögel, wie Tauben oder Elstern, kann nur das größere Weibchen erbeuten. Ein Sperber benötigt zum überleben täglich etwa 3-4 Kleinvögel (das sind bei einem Bestand von etwa 1000 Brutpaaren (ca. 2000 Einzelexemplare) in S-H ca. 6000-8000 Kleinvögel täglich!!!) Während der Aufzucht (Sperber ziehen etwa 4-6 Jungvögel pro Jahr groß) benötigen diese Jungtiere, je nach Alter ebenfalls 1-3 Kleinvögel täglich. Das bedeutet, dass in der Brut- und Aufzuchtphase noch einmal ca. 1000-3000 Kleinvögel täglich hinzu kommen…

In der Jagdsaison 2012/2013 wurden in Schleswig-Holstein 5401 Katzen erschossen
[Quelle]

Diese hohen Zahlen der erbeuteten täglichen Kleinvögel werden allerdings in den Medien und insbesondere seitens der Jägerschaft verschwiegen, schließlich sind Sperber ganzjährig geschützt und dürfen weder bejagt noch das Gelege oder die Brutstätten zerstört werden. Hier gibt es also keine Handlungsmöglichkeiten. Ganz anders sieht es bei den Katzen aus. Sie sind gesetzlich nicht geschützt und dürfen bejagt werden. Erst wenn sie sich weiter als 200m von besiedelten Flächen (Grundstücken) entfernen, gelten sie als “wildernde” Katzen und dürfen legal geschossen und gefangen werden. Um das Töten von Katzen zu rechtfertigen, werden sie für den Rückgang diverser Vogelarten verantwortlich gemacht. Der Sperber wird nicht erwähnt – er ist ja auch gesetzlich geschützt – und die Faktoren, die hauptsächlich für den Rückgang der Kleinvögelbestände verantwortlich sind, werden bewusst nicht aufgeführt. Stattdessen werden bei uns in Schleswig-Holstein täglich mindestens 15 Katzen erschossen oder durch Lebendfallen oder Totfallen (Schlageisen) getötet und verschwinden spurlos…

Ich möchte die Öffentlichkeit ausschließlich darauf aufmerksam machen, dass man nicht alles glauben muss / sollte, was man in den unterschiedlichsten Medien und Berichten immer wieder erfährt. Vielmehr möchte ich dazu aufrufen, Aussagen, Ergebnisse und Meinungen auch einmal kritisch zu hinterfragen und sich selbst zu informieren. Zahlen und Fakten zu unterschlagen und andere Lebewesen für den Rückgang unterschiedlicher Arten verantwortlich zu machen muss ein Ende haben!